Bayreuth Kurier

Der Rollimann

Mike Al Becker und die Simulanten im Gemeindehaus

Mike Al Becker und die Simulanten im Gemeindehaus Bayreuth. Von Anna Wiehl Einen Satz will Musiker Mike Al Becker auf keinen Fall in den Medien über sich lesen- und so soll auch hier auf den stereotypen Satz verzichtet werden, mit dem die Querschnittslähmung so häufig umschrieben wird. Der Ausdruck würde auch gar nicht auf den Sänger zutreffen, denn sobald Mike im Scheinwerferlicht sitzt und in satten Beat aufgeht, ist er völlig entfesselt. So auch Freitagabend im Evangelischen Gemeindehaus: Auf Einladung des Diakonischen Werks Bayreuth und mit Unterstützung von „Integra“ , einer Einrichtung der Regierung Oberfrankens, die sich für die Integration behinderter Menschen einsetzt, rockte der Frontman mit seiner eingespielten Band los. Wie ein Alien „Seit den letzten 15 Jahren sitze ich in diesem „fucking Rolli“ ; und das Einzige, was mir geblieben ist , ist die Liebe zur Musik“ , so beschreibt Mike Al Becker sein Verhältnis zu seiner Behinderung und dem deutschen Rock. Seit einem Autounfall ist der 1961 geborene Musiker vom Hals abwärts querschnittgelähmt. Doch er gibt nicht auf. Michael wird zum „Rollimann“ , einem Rock-Botschafter mit einer wirklichen „Message“ wie er es auch in seinen Liedern explizit besingt: „Manche starren mich wie ein Alien an, und nur weil ich nicht mehr laufen kann. Wann zum Teufel werdet ihr kapieren, so´n Scheiß wie mir kann euch auch passieren.“ Becker nennt die Dinge beim Namen. Als Sänger und Frontman schleudern er und seine Band dem Publikum Gefühl und Lebenskraft, mit Kraft, Trotz und Wut gewürzt, um die Ohren, so dass man denselben kaum trauen möchte. Alles Simulanten Doch die wilde und kräftige Musik kommt tatsächlich von der Gruppe da vorne... und „Die Simulanten“. „Alle, die nicht im Rollstuhl sitzen, sind Simulanten“, erklärt Mike den ungewöhnlichen Namen, unter dem er mit seinen Freunden auftritt. „Fußgänger“ wie Micha Gassmann (Schlagzeug), Andreas Krombholz (Bass) und Michael „Jackson“ Woelke (Gitarre) müssen sich da ihren Platz neben dem Sänger, Bluesharpspieler und Entertainer erst verdienen. Mit ihrem harten Rhythmus und doch Melodischem Sound, der unter die haut geht, sind die drei aber genau die Richtigen für die bissigen, selbstironischen und kritischen Aussagen in Beckers Eigenkompositionen. Zusammen demonstrieren sie mit gradlinigem Rock `n`Roll zu kernigen deutschen Texten, wozu auch körperlich eingeschränkte Menschen fähig sind – und das frei von jeglicher Sentimentalität. Das macht Mut Gerade im EJMB 2003 sind diese vitalen Botschaften und der Ruf nach Gleichberechtigung und Integration besonders aktuell. Der Sound der Rockmusik hinterfragt nicht nur die manchmal nach wie vor diskriminierenden Verhaltensweisen von nicht Behinderten – er gibt ebenso ein Beispiel, das Mut macht , an seinen Träumen festzuhalten. Schade nur, dass an diesem Abend so wenige zu diesem außergewöhnlichen Konzert fanden.

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